Bleib locker!

Was tun, wenn meine Geschäftsidee zu populär wird? Wenn viele in meine Nische drängen, weil das alles so einfach aussieht? Die Unternehmen tyntyn, bre.parat und HeyHay! zeigen, wie man sich von der Konkurrenz nicht kirre machen lässt.

NINA_Portrait
Nina Hoepfner
Geschäftsideen sind ein bisschen wie moderne Kunst: Im Vorbeigehen denken viele: „Pah, das hätte ich auch noch gekonnt.“ Denn sie sehen nur die vermeintlich einfache Form, aber nicht die Arbeit dahinter. Wie viel Kraft es kostet, sie immer und immer wieder zu überarbeiten, bis sie endlich die Gestalt angenommen hat, die so und nicht anders sein muss. Damit sie funktioniert.

Wer Nina Hoepfners Slow-Feeder sieht, den sie in immer neuen Varianten auf Pferdemessen, Gründerveranstaltungen und Tagungen präsentiert, der könnte denken: Ja, das ist also ein Futtereimer mit Löchern, durch die das Pferd sich Heu rausziehen kann. Eimer mit Löchern – das hätte ich auch noch gekonnt.

Tatsächlich ist die Designerin über Monate zwischen Pferdestall und ihrem zur Werkstatt umfunktionierten Wohnzimmer gependelt, um bei genau dieser Konstruktion anzukommen. Genau dieser Kombination von Form, Material und Eigenschaften, die dafür sorgt, dass Pferde sich nicht mehr hektisch krankfressen im Stall. Weil sie für jeden Halm arbeiten müssen, beschäftigt sind und zur Ruhe kommen. „Es ist total schön zu sehen, wie die Tiere das annehmen und wie entspannt sie werden, sogar auf Pferdeschauen, wo sie immer sehr gestresst sind“, sagt Nina: „Für mich ist das einfach ein logisches Produkt, da stecken 20 Jahre Erfahrung mit den Tieren drin.“

„Als Einzelkämpferin war es gut, mich mit den anderen Kreativpiloten austauschen zu können, gerade zu Themen wie Finanzierung.“

Nina Hoepfner, HeyHay!
HeyHay_Feeder
Slow-Food für Pferde aus dem HeyHay-Feeder. Mmmmmm lecker!
Zu diesen Erfahrungen gehört auch: „Pferdeleute verzeihen nicht so viel. In diesen Markt kann man nicht mit schlechten Produkten eintreten, da habe ich schon viele kommen und gehen sehen.“ Ohne dieses Selbstbewusstsein, sagt Nina, wäre es schwer gewesen, die lange Entwicklungszeit durchzuhalten, in der auch Konkurrenten mit neuen Fütterungskonzepten an den Markt gegangen sind. „Mein erster Gedanke ist morgens immer: Ich muss Gas geben.“ Aber kreatives Arbeiten lässt sich eben auch nicht unbeschränkt beschleunigen, „und man ist ja auch nicht jeden Tag gleich produktiv.“

Ihr Startup HeyHay!, mit dem Nina als Kultur- und Kreativpilotin ausgezeichnet worden ist, führt sie alleine: „Als Einzelkämpferin war es gut, mich mit den anderen Kreativpiloten austauschen zu können, gerade zu Themen wie Finanzierung.“
Noch finanziert sich Nina vor allem über Freelancer-Jobs als Designerin, während sie den Launch des Slow-Feeders vorbereitet. „Das ist noch super viel Arbeit, aber ich habe den Schritt nie bereut. HeyHay! ist genau das, was ich machen will.“

„Was es wirklich bedeutet und braucht, um aus einem Nebenerwerb ein Unternehmen zu machen, von dem ich leben kann, das musste ich erstmal lernen.“

Peggy Kraft, bre.parat

Zurück in ihr altes Leben würde auch Peggy Kraft nicht mehr wollen. Sie hat ihren sicheren Bankjob aufgegeben für eine Geschäftsidee, bei der viele im Vorbeigehen denken würden: Hausfrauenhobby.

Peggy Kraft näht Taschen. Genauer gesagt: Sie lässt nähen, anders könnte ihr Startup bre.parat den Bedarf gar nicht decken. Und es sind auch nicht irgendwelche Taschen, sondern Spezialetuis für Diabetiker, die Insulinpumpen am Körper tragen müssen. Natürlich gibt es solche Etuis schon, „aber keine schönen. Und angenehm zu tragen sind die meisten auch nicht“, sagt Peggy. Was vor allem für Kinder ein Problem ist. Und für die Kinder von Freunden hatte Peggy, damals noch als Hobby, die ersten Pumpentaschen genäht.

Bunte Muster, angenehme Stoffe, bequemer Sitz – die Taschen kamen so gut an, dass sie schnell merkte: Da ist mehr drin. Mehr auch als ein Shop auf Do-It-Yourself-Handelsplattformen wie Dawanda oder Etsy. Mit Zahlen kann Peggy als Bankkauffrau umgehen – „aber was es wirklich bedeutet und braucht, um aus einem Nebenerwerb ein Unternehmen zu machen, von dem ich leben kann, das musste ich erstmal lernen. Und dabei war die Kultur- und Kreativpilotenzeit unglaublich hilfreich. Wie wichtig Marketing und ein gutes Netzwerk sind, ist mir erst da so richtig klargeworden.“

Breparat_Eule_Kollektion
Bunte Muster, angenehme Stoffe, bequemer Sitz: bre.parat fertigt Spezialetuis für Diabetiker, die Insulinpumpen am Körper tragen müssen.

Viele Gespräche mit den anderen Teams und ihren Mentoren drehten sich um das Thema Wachstum. „Wie kann ich größer werden? So entstand die Idee, auch Produkte für Erwachsene zu machen.“ Zum Beispiel eine Insulinpumpentasche für Frauen, die am BH angebracht wird. Neue Produkte lösten auch ein anderes Problem, das Peggy im Kreativpilotenkreis besprach: Die Preise für ihre Taschen waren zu niedrig, um ein profitables Unternehmen aufbauen zu können. „Aber ich konnte mein altes Sortiment ja nicht auf einmal viel teurer machen. Also habe ich ähnliche und neue Produkte eingeführt und die anders kalkuliert.“

Schnell war auch klar: „Du musst weg von der Nähmaschine, du musst denken und planen können.“ Mit Hilfe der Arbeitsagentur hat Peggy inzwischen drei Arbeitsplätze geschaffen. Nicht in Wiesbaden, von wo aus sie die Geschäfte führt, sondern in ihrer alten Heimat Sachsen – Angestellte Nr. 1 war ihre Mutter.

„Die Hersteller sind auf uns zugekommen – weil unsere Kunden sie auf uns aufmerksam gemacht haben.“

Peggy Kraft

Von der kleinen Nähstube ist bre.parat jetzt in eine größere Halle umgezogen. Mit viel Platz für Material und Inventar – derzeit noch zu viel Platz, bre.parat soll weiterwachsen. Etwa die Hälfte des Umsatzes macht Peggy im Direktverkauf, den Rest über Großhändler, Apotheken, Kliniken: „Wir haben den großen Vorteil, dass man einige unserer Sachen über die Kasse abrechnen kann. Auch wenn es mich viele graue Haare gekostet hat, die nötigen Zulassungsnummern zu bekommen.“

Auch an anderer Stelle macht sich die Leidenschaft bezahlt, mit der Peggy bre.parat führt. Sie produziert jetzt Schutzüberzüge für eine neue Generation von Glukosesensoren, die den Kindern in die Haut des Oberarmes gestochen werden; dabei schaut der Sensor an der Einstichstelle hervor und muss geschützt werden. „Die Hersteller sind auf uns zugekommen – weil unsere Kunden sie auf uns aufmerksam gemacht haben.“

„Das Feedback von den anderen Kreativpiloten hat uns stark vorangebracht.“

Andre Lutz und Sascha Hildebrandt, tyntyn

Wer weiter denkt und bis in die letzten Details auf Qualität und Funktion achtet, den holt die Konkurrenz nicht so leicht ein: Das ist auch das Credo von Sascha Hildebrandt und André Lutz. Ihr Startup tyntyn entwickelt und vertreibt Fotoboxen – diese Mietkabinen, die inzwischen auf fast jeder Hochzeit, Firmenfeier oder Messe stehen, samt einer Kiste mit Perücken, Masken, Hüten und anderen Accessoires für das enthemmte Gruppen-Selfie.

„Klar, solche Boxen bekommst du heute an jeder Ecke angeboten“, sagt Sascha, der vor vier Jahren „eher so hobbymäßig“ anfing, am Wochenende mit seiner ersten Fotobox von Hochzeit zu Hochzeit zu fahren. Damals sei ihm schnell klargeworden, dass da viel mehr drinsteckt als ein lustiger Partygag: „Dass man da eine extrem wertvolle B2B-Dienstleistung draus machen kann, das hat damals kaum einer kapiert.“

„In diesem Jahr wollen wir unsere Software tyntyn Solutions an den Markt bringen.“

Sascha Hildebrandt

Eine Box hinstellen – das könne jeder, sagt Sascha. „Das sind Leute, die arbeiten sonst als DJ oder Messebauer oder sonst was. Aber wir machen ein Premium-Produkt daraus, wir liefern die Strategie dazu, die Beratung – und wir liefern den Kunden die Daten und Kennzahlen, die sie für ihr Marketing brauchen.“ Und tyntyn geht über die lustigen Selfies hinaus, zum Beispiel mit seinem neuen Hashtag-Printer: ein System mit großem Touchscreen, auf dem alle Fotos einlaufen, die mit einem bestimmten Hashtag gepostet werden, zum Beispiel dem eines Kongresses oder einer Messe. Besucher können so Abzüge machen von allen Bildern, die auf der Veranstaltung gemacht und gepostet werden – sozusagen ein Polaroid-Automat für die Tweet-Wall.

Tyntyn hat nicht nur ein eigenes Hardware-Sortiment entwickelt, sondern auch eine Software-Plattform, über die Marketer Fotoaktionen steuern und die Interaktion der Kunden registrieren, etwa, wenn jemand den QR-Code von einem ausgedruckten Bild abfotografiert, um das Foto digital aufs Smartphone zu bekommen. „In diesem Jahr wollen wir unsere Software tyntyn Solutions an den Markt bringen“, sagt Sascha, der seit 20 Jahren im Marketing arbeitet.

Simulation der Green City Solutions in Hong Kong
Mehr als eine Fotobox: tyntyn liefert dazu die Strategie, die Beratung – und die Daten und Kennzahlen, die Kunden für ihr Marketing brauchen.

Wie können wir wachsen und neue Geschäftsfelder erschließen? Auch für tyntyn stand diese Frage im Mittelpunkt vieler Gespräche mit den anderen Kreativpiloten-Teams und den Mentoren. „Wir wussten zum Beispiel, dass Franchising ein guter Weg wäre, hatten da unter uns aber vieles noch nicht ausdiskutiert. Mit diesen Fragen sind wir in den Workshop gegangen, und das Feedback von den anderen Piloten hat uns stark vorangebracht.“

Gestartet ist tyntyn in Frankfurt, ein zweiter Standort in Berlin entsteht gerade, auch Hamburg steht auf der Liste. Wobei das Unternehmen eigentlich inzwischen überall zu Hause ist: Sascha und seine Mitgründer haben sich einen historischen Airstream-Wohnwagen zu einer rollenden Fotobasis ausbauen lassen, die Kunden für ihre Marketingaktionen anmieten können. Im Sommer war das Team damit für den Smartphone-Hersteller Alcatel auf Tour, unter anderem auf dem Reeperbahn-Festival in Hamburg. „Da haben wir richtig Blut geleckt. Jetzt überlegen wir, ob wir uns noch einen zweiten Airstream bauen lassen, oder was Kleineres. Und was noch so alles geht.“

Wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder.