Die Reise beginnt

Holz und Stahl, Virtual Reality und psychische Störungen, Spielwelten und Storytelling, Hören, Riechen, Fühlen, Machen: Die neuen Kultur- und Kreativpiloten Deutschland sind da. 32 Startups bereichern das Netzwerk mit ihren Ideen, Plänen und Geschichten.

Logo und Hashtag #JIPPIEJAYGAY des Magazins Straight
Mission Statement: Ein spaßbefreites Befindlichkeitsmagazin ist Straight offensichtlich nicht
JIPPIE JAY GAY! liest man hier überall: auf Jeansoberschenkeln und Hemdsärmeln und Sakkorücken und wo man sonst noch im Vorbeigehen einen Sticker draufpappen kann. Und wenn wieder ein derart Dekorierter vorbeigeht, ist klar: Der muss grad am Stand von Straight gewesen sein, wo die Macherinnen des Magazins für lesbische Frauen ihr Auszeichnung als Kultur- und Kreativpilotinnen feiern. Und dabei nicht zimperlich sind im Umgang mit ihrem Merchandising.

23. November 2016, erster öffentlicher Auftritt des neuen Piloten-Jahrgangs. Gerade eben war noch Fotoshooting oben auf der Bühne mit Urkunden und Trophäen, mit Staatssekretärin Brigitte Zypries und Ministerialdirektor Günter Winands, jetzt stehen sie hier unten, Stand an Stand in der Halle des alten Postbahnhofs am Berliner Ostbahnhof: 32 Teams, die zeigen, was geht, wenn man Chancen ergreift und einfach mal eine Idee anpackt, die andere liegen lassen oder nicht begreifen.

Sema Gedik und ihre Models mit Brigitte Zypries am Stand von Auf Augenhöhe, dem Modelabel für Kleinwüchsige
Selfie mit Staatssekretärin: Auf Augenhöhe-Gründerin Sema Gedik (3.v.l.li.) und ihre Models, mit denen sie ihre Mode für Kleinwüchsige entwickelt
Wobei es an einigen Ständen eher schwer fällt, zu begreifen, dass das wirklich noch niemand gemacht hat. Zum Beispiel, wenn die Models am Stand des Labels Auf Augenhöhe erzählen, dass es für sie als kleinwüchsige Menschen fast unmöglich ist, Mode zu kaufen. Dass sie auf Kinderabteilungen ausweichen und dann auch noch vieles umschneidern lassen müssen, weil ihre Körper andere Proportionen haben. Dass es nicht einmal einheitliche Konfektionsgrößen gibt, die die verschiedenen Körperbauten kleinwüchsiger Menschen abdecken. Und dass Auf Augenhöhe-Gründerin Sema Gedik sich im Rahmen ihres Modestudiums darangemacht hat, all das zu ändern zusammen mit der Community.

An anderen Ständen fällt es zuerst einmal schwer, zu begreifen, dass das überhaupt eine Idee ist, aus der ein ganzes Unternehmen wachsen kann. Kugelbahnen, wie groß kann denn bitte der Markt für Kugelbahnen sein, deren Bau sich das Ingenieur- und Designbüro Rotes Pferd verschrieben hat? Und dann kommt man ins Reden mit den Gründern und ist auf einmal gefangen von der Faszination dieser liebevoll bis ins kleinste Detail durchgeplanten Was-passiert-dann-Maschinen, mit denen sich „jedes beliebige Thema aufarbeiten lässt“, für Museen und Science Center, für Firmenzentralen und Flughäfen, wo das „Rote Pferd“ unter anderem Spendensammel-Kugelbahnen baut, in die man eine Münze einwerfen muss, um das Spektakel im Glaskasten zu starten.

Brigitte Zypries am Stand des Designbüros Das Gute Ding
Kein Sirup: Brigitte Zypries testet die hoch reinen Aroma-Extrakte von „Doc’s Essenz“, der neuen Produktlinie von Das Gute Ding
Nebenan am Stand von Das Gute Ding werden Küchenbretter und aromatische Essenzen für Küche und Bar ausgestellt und man fragt jetzt schon deutlich gespannter, was daran denn nun so besonders sei und ist wieder mittendrin in einer Geschichte: Für diese Küchenbretter haben Kunden in Düsseldorf vier Stunden lang angestanden, weil sie ein Stück Stadtgeschichte sind. Jedes ein Unikat aus einem der 40.000 Bäume, die 2014 vom Herbststurm Ela geknickt wurden. „Es geht uns um die Geschichte hinter den Produkten – und das Erhalten von Werten“, sagt Mitgründer Tobias Jochinke. Weswegen nicht nur auf jedem Brett die Art, das Alter und der Standort des verwendeten Baumes eingelasert ist, sondern auch für jeden verwendeten Baum ein neuer gepflanzt wurde.

Auch die aromatischen Essenzen sind wirtschaftlich angewandter Werterhalt: „Wir haben diese alte Destillerie gefunden, die Essenzen in einer Reinheit herstellt, die man sonst gar nicht kaufen kann“, sagt Tobias. „Für die Inhaber hat sich die Frage gestellt, wie es mit dem Betrieb weitergeht, und wir wollten einen Beitrag dazu leisten, dass diese Kunst nicht einfach verschwindet.“ Derzeit arbeitet Das Gute Ding an einem Produktkonzept rund um einen historischen, vom Einsturz bedrohten Kran in Düsseldorf.

„Wir wissen, dass unsere Haltung nicht leicht zu vermitteln ist“, sagt Tobias. „da waren die ersten Begegnungen mit den anderen Kultur- und Kreativpiloten und unseren Mentoren schon extrem hilfreich. Da entsteht ein ganz anderer Dialog und der hilft uns, unsere Geschichte besser zu erzählen.“

„Geschichten erzählen“ scheint so etwas wie die heimliche Mission Statement der Kultur- und Kreativpiloten zu sein. „Storytelling machen wir alle“, sagt Sebastian Droschinski. Er muss es wissen, bei ihm ist das Produkt die Geschichte – und umgekehrt. Das von ihm mitgegründete Startup Reclaimed Marshland produziert Serien, die gar nicht mehr für das Fernsehen, sondern nur noch für das Internet gemacht sind – die logische Fortsetzung des Trends zum Video-on-Demand und Streamingplattformen wie Netflix, die ihre eigenen Inhalte produzieren. Wie dieser Trend inzwischen die junge Filmszene prägt, zeigen auch die Teams von Schurkenstart Film und Serienwerk.

Brigitte Zypries am Stand des Startups Mediasteak
So geht Fernsehen heute: Die kuratierte Plattform von Mediasteak schafft einen attraktiveren Rahmen für die Inhalte klassischer Mediatheken

Überhaupt wirkt der aktuelle Kreativpiloten-Jahrgang wie ein Thinktank für neue Seh- und Hörgewohnheiten. Gleich mehrere Teams sind im Virtual Reality-Bereich unterwegs. Trix etwa, die VR-Techniken mit immersivem Theater vermischen – der Zuschauer wird so auf eine bisher nicht mögliche Art Teil eines real gespielten Stücks. Oder Delta Soundworks, die Sounddesign für virtuelle Welten machen – unter anderem mit einer Technologie von Dear Reality, einem Team aus dem vorigen Kreativpilotenjahrgang.

Medienkrise? Welche Medienkrise? Wer hier an den Ständen nach den Geschäftsmodellen fragt, bekommt überraschend oft zu hören: Na klar verdienen wir schon Geld. Mediasteak zum Beispiel, eine Video-Plattform, die Beiträge aus den Mediatheken von TV-Sendern kuratiert und in einem ansprechenden Interface anbietet. „Mit unserer Erfahrung können wir zum Beispiel den Bayerischen Rundfunk bei der Gestaltung seiner Mediathek unterstützen.“ Und die Gründerinnen Laura Pohl und Anne Krüger denken schon viel weiter, Video-Auslieferung per Chatbot etwa, und gerade ist eine App für das AppleTV entstanden.

Wem kann man denn noch trauen? Die Macher von Buzzard arbeiten an einem Glaubwürdigkeits-Check für Blogs
Wem kann man denn noch trauen? Die Macher von Buzzard arbeiten an einem Glaubwürdigkeits-Check für Blogs
„Developer gesucht“ steht dagegen auf einem Schild am Stand von The Buzzard – das Medien-Startup hat gerade sich gerade von seinem ersten Prototyp verabschiedet und setzt neue Schwerpunkte bei der Entwicklung seiner Plattform, die es Lesern erleichtern soll, die Glaubwürdigkeit von Informationen aus dem Internet einzuschätzen. „Im ersten Workshop und im Screening mit unseren Mentoren ging es vor allem um die Frage: Was ist unser Markenkern?“

Erfahrene Unternehmer stehen direkt neben Gründern, die noch ganz am Anfang sind. Vom Stand eines Augmented-Reality-Startups schweift der Blick über Stände mit digitalen Holzklötzen, handgeschmiedeten Messern undDesigner-Modellautos. Gegenüber vom kulinarischen Performance-Künstler präsentiert der Online-Shop mit kreativen Hilfsmitteln für ADHS-Betroffene: Es ist diese Vielfalt, die das Kultur- und Kreativpilotenprogramm so spannend macht, und mit jedem Jahrgang wächst das Netzwerk.

Am Stand von Stadtholz probiert Moderatorin Katty Salié eines der Brillenmodelle aus zertifiziertem Hölzern
Muss ja nicht alles digital sein: Am Stand von Stadtholz probiert Moderatorin Katty Salié eines der Brillenmodelle aus zertifiziertem Hölzern

Ehemalige Kreativpiloten werden Mentoren für die neuen, und mehr als ein Titelträger an diesem Abend ist über frühere Titelträger auf diesen Wettbewerb gekommen: Seine Idee, Schiffscontainer zu mobilen Wanderunterkünften umzubauen, hat Tim Göbel im Platzprojekt entwickelt, einem Hannoveraner Kreativen-Freiraum, den das Startup Endboss Projects aus dem 2014er-Titelträger-Jahrgang initiiert hat.

Jetzt steht Endboss-Mitgründer Max Beckmann am Stand von Göbels Startup Trekkers Huus und es ist schwer zu sagen, wer von den beiden mit mehr Begeisterung über den ausgefeilten Schichtaufbau aus Bio-Materialien referiert, der in den Containern für ein gleichbleibend angenehmes Wohnklima sorgen soll.

Tim Göbel, Gründer von Trekkers Huus
Gleichbleibende Temperaturen, angenehme Raumluft und keine Schadstoffe: Trekkers Huus-Gründer Tim Göbel neben einem Modell des Schichtaufbaus seiner Container-Isolierung
Drei Monate lang hat der gelernte Verfahrensmechaniker an dem Prototyp gearbeitet und seine langjährige Erfahrung aus der Tourismusbranche eingebracht: „So etwas hätten wir uns früher gewünscht, als wir im Harz auf Wandertouren waren. Oder auf dem Elbe-Radwanderweg. Oder wenn wir in Spanien ein komplettes Jugenddorf auf einem leeren Feld hochziehen und nach der Saison wieder rückbauen mussten.“ Jetzt will Tim seine Container hinaus in die Welt bringen, als ersten Schritt visiert er die Wander- und Radrouten seiner Heimat Niedersachsen an.

Die Reise hat begonnen. Eine von 32. Es wird spannend.