Kreativ mehr fördern

Die Kultur- und Kreativwirtschaft findet überraschende Lösungen für Herausforderungen aller Art – das heißt allerdings längst nicht, dass die Branche selbst überhaupt keine Probleme hätte. Lutz Woellert, Gründer der Identitätsstiftung und Berater bei den Kultur- und Kreativpiloten, verrät im Interview seine Sicht der Dinge.

Lutz, welche Dinge stören dich an deiner eigenen Branche? Was kommt dir da spontan in den Sinn?

Lutz Woellert: Die Mitarbeiter- oder Praktikantensuche in der Kreativwirtschaft ist oft ein mittelschweres Drama. Das ist bei uns auch gerade wieder Thema, weil wir gute Leute suchen. Anfragen oder Standard-Bewerbungen auf unsere Ausschreibungen, die wir an Schulen aushängen, über Mail-Verteiler herausjagen oder über Jobbörsen spielen, beantworten wir immer recht ähnlich: Toll, danke für die Bewerbung oder eben die Anfrage, aber wir sind ein kreatives Unternehmen, also lasst euch bitte etwas anderes einfallen als Lebenslauf und Anschreiben. Backt einen Kuchen, singt ein Lied, malt ein Bild – kurz: macht eben tatsächlich etwas Kreatives, so können wir euch in eurer Persönlichkeit und eurem Machen etwas näher kennenlernen. Nur – das klappt fast nie. Entweder hören wir von den Leuten, denen wir das antworten nie wieder etwas oder wir hatten die Ausschreibung schon entsprechend formuliert – dann kommt gar keine Rückmeldung.

Aber es gibt doch sicher auch positive Beispiele?

Wenige, aber natürlich gibt es die. Ein Praktikantenbewerber, den wir gebeten haben, uns etwas Kreatives einzureichen, hat uns drei Wochen später einen Link zu einem selbstgemachten Comic-Film geschickt. Darin rutscht eine Riesenbanane auf einem Menschen aus. 20 Sekunden, mehr nicht. Das war großartig, den haben wir auch sofort eingestellt. Und jetzt vor kurzem hatten wir eine Bewerberin, die uns zwei kleine Pappschachteln geschickt hat: In einer sind Kekse drin gewesen, in der anderen ein Puzzle, das zusammengesetzt eine Infografik mit Interessen und Kenntnissen über die Bewerberin gezeigt hat. Die haben wir auch zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Zwar passte das, was sie sich gewünscht hat und wir bieten konnten für den Moment nicht zusammen, aber mit dieser Bewerberin wollen wir, so wie auch mit dem Comicfilm-Praktikanten geschehen, auf jeden Fall in Verbindung bleiben.

„Was wir brauchen, sind Veranstaltungen, bei denen wir als Kreativwirtschaft auf andere Branchen aktiv zugehen.“

Lutz Woellert

Woran liegt es, dass das offenbar die Ausnahmen sind und nicht viel mehr kreative Bewerbungen kommen? Immerhin fordert ihr die ja vehement ein.

Ja, so würden wir uns das eigentlich immer wünschen. Aber uns ist natürlich auch klar, dass das Kernproblem hier oft nicht die individuelle Kreativitätsverweigerung ist, sondern das Schul- und Ausbildungssystem: Dort wird seit Jahrzehnten vorgelebt, dass man besser mit Standardantworten weiter kommt. Kreativität wird dort nicht gefördert. Das ist aber für die gesamte Kreativbranche total gefährlich. Wenn die Absolventen kreativ und out-of-the-box denken sollen, bekommen es die meisten überhaupt nicht hin. Das muss sich meiner Meinung nach ändern. Einerseits sollte sich das Schul- und Ausbildungssystem also hinterfragen, anderseits möchte ich jedem, der kreativ werden will, zurufen: Los, keine Angst! Mach einfach!

Wo hakt es deiner Einschätzung nach noch in der Kultur- und Kreativwirtschaft?

Unser Kernthema seit zehn Jahren ist: Impuls- und Innovationsfaktor für andere Branchen zu sein. Also hat man vor zehn Jahren angefangen, Veranstaltungen zu machen, wo die blanken Zahlen vorgestellt wurden: Wir sind eine Branche mit elf Teilbranchen. Wir sind mit einer volkswirtschaftlichen Gesamtleistung von rund 67,5 Milliarden Euro für 2014 vergleichbar mit den großen Industriesektoren Automobil, Maschinenbau, Chemie, oder der Finanzdienstleistungsbranche und der Energieversorgung usw. Das war damals auch gut und richtig. Seitdem ist aber extrem viel passiert: Wir haben in fast allen Bundesländern Länderinitiativen oder regionale Netzwerke, die Branche ist aktiv dabei sich zu vernetzen.

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Lutz Woellert: „Kreativität wird im Schul- und Ausbildungssystem nicht gefördert. Das ist für die gesamte Kreativbranche gefährlich.“

Das ist ja erstmal gut oder verstehe ich da etwas falsch?

Ja klar, aber trotzdem werden immer noch Veranstaltungen durchgeführt, die die alte und längst bekannte Leier wiederholen. Erst vor kurzem saß ich also auf dem Podium einer solchen Veranstaltung und habe in die Runde gefragt: Wer sitzt hier als Entscheider aus einem Nicht-Kreativunternehmen oder zumindest deren Umfeld? Und nicht eine einzige Hand ging hoch. Dann meinte ich: Alles, was wir hier jetzt diskutieren, ist völlig überflüssig. Wir erzählen uns doch nur gegenseitig, was wir schon längst wissen: dass wir tolle Impulse für andere Branchen liefern. Und jetzt?

Ja – und jetzt? Wie macht man es denn besser? Hast du da Beispiele?

Solche Formate sind längst überholt. Was wir brauchen, sind Veranstaltungen, bei denen wir als Kreativwirtschaft auf andere Branchen aktiv zugehen. Wie das funktioniert, zeigt gerade das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. In ihrem Auftrag haben die beiden Gründer des Startups Endboss Projects und der Tech-Art-Künstler Christian Zöllner einen alten Doppeldeckerbus zum Fablab mit 3D-Druckern umgewandelt. Und damit stellen sich die Jungs vor den Bundestag und präsentieren die Kreativwirtschaft. Diesen Ansatz müssen wir heute vorfolgen: die Kreativwirtschaft auf eine kreative Art und Weise – hier mit dem Fablab-Bus – in andere gesellschaftliche Bereiche bringen. Wir müssen uns als Branche genau darüber Gedanken machen und überlegen, wie ein Format aussieht, dass das einlöst, was wir in vorherigen Formaten festgestellt haben. Dann werden solche Veranstaltungen gut und sind ein Gewinn für alle.