Neue Bühnen

Wer sich den Kulturbetrieb als staubig, sperrig und leicht abgehoben vorstellt, liegt leider manchmal richtig. Einfach zugänglich und für jedermann geht jedenfalls oft anders. Die Startups Grammofy, Radike|Kittelmann und SofaConcerts zeigen, wie man das besser macht – und krempeln so die Branche um.

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Gründer und CEO von Grammofy: Lukas Krohn-Grimberghe
Bitte, was? Ein Online-Streamingdienst für klassische Musik?“ Lukas Krohn-Grimberghe kann sich noch gut an die ersten Kommentare zu seiner Start-up-Idee Grammofy erinnern. Zugegeben: Für den Laien klingt die Idee erst mal so, als hätte sie jemand im Suff entwickelt. Klassik? Wer hört das denn? Ist das nicht ein kleiner Nischenmarkt? Sind Klassikfans nicht alle sehr alt? Können die überhaupt Internet? Und woher Personal und Geld zum Aufbau einer Streamingplattform nehmen – was im Übrigen auch nicht unbedingt als leichteste technische Fingerübung gilt? Und wen das noch nicht verschreckt hat, der erinnert sich kurz mal an die Konkurrenz: Spotify, Apple Music, Google Play und Deezer. Mehr Marktdominanz geht nicht.

Lukas, Absolvent des zur University of London gehörenden renommierten Goldsmiths-College, drückt das etwas vornehmer aus: „Wenn man die Idee zum ersten Mal hört und zu Klassik keinen Zugang hat, muss man wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass es wohl kaum eine größere Herausforderung gibt.“

Heute ist Grammofy knapp vier Monate am Markt und in zehn Ländern online. Weitere stehen auf der Roadmap des Start-ups. „Wir sind happy“, sagt Natascha Klotschkoff, Head of Marketing & Content Management beim jungen Unternehmen. „Es läuft gut an, wir haben viele Seitenbesuche und viele Leute, die einen Account angelegt haben. Jetzt beginnen sich die anfangs noch kostenlosen Zugänge langsam in bezahlpflichtige umzuwandeln.“

„Das Mentoring und die Termine mit den Kreativpiloten haben durch den intensiven Erfahrungsaustausch den Blick in Stressphasen wieder geöffnet.“

Lukas Krohn-Grimberghe

Wie haben die das denn geschafft? Wissen, Überzeugung und Hartnäckigkeit, ist die Kurzantwort. Lukas hatte den Streamingmarkt für Klassik bereits in seiner Bachelor- und auch der Masterarbeit intensiv untersucht und wusste es einfach besser. „Umfragen und größere Studien zeigen: Das Interesse an Klassik von jungen Menschen ist sehr hoch. Allerdings ist der Konsum von klassischer Musik verschwindend gering.“ Sein Schluss: Der Bedarf am Zugang zu Klassik ist offenbar da, nur scheint das Angebot nicht richtig zu sein. Tatsächlich haben auch Spotify und Co klassische Musik im Angebot. Wer aber mal versucht hat, da fündig zu werden, weiß, was Verzweiflung heißt.

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Head of Marketing & Content Management: Natascha Klotschkoff
„Die großen Plattformen sind einfach nicht für Klassik gemacht“, sagt Natascha. Wer etwa „Beethoven“ und „Symphonie“ sucht, findet auch Symphonien von Joseph Haydn interpretiert vom Beethoven Orchester Bonn. Oder Listen mit 50 verschiedenen Aufnahmen eines Werks. „Da verliert man schnell die Geduld oder ist überfordert“, sagt die Marketingchefin. Grammofy bietet daher eine niedrige Eintrittsbarriere in die Welt der Klassik: 30 Tage kann man unverbindlich umsonst testen, dann kostet der Zugang 6,99 Euro, ein Einsteiger-Abo für 2,99 Euro ist in Planung.

„Wir stehen für Klasse statt Masse. Wir stellen daher jede Woche fünf Werke in unseren ,Collections‘ vor. Die hört man sich an. Oder geht zum nächsten Werk, wenn einem das nicht gefällt“, sagt Lukas. Wer will, kann einfach nur Musik hören. Wer möchte, kann aber in die vielfältige Welt der klassischen Musik abtauchen. Grammofy bietet Audio-Einführungen, in denen nicht nur erklärt wird, wann und von wem das Stück aufgenommen wurde, sondern auch die Geschichte und der Hintergrund rund um den Komponisten oder das Stück erzählt werden.

Ihr Gründungsvorhaben wurde nicht nur vom Exist-Förderprogramm des Wirtschaftsministeriums für Gründungen aus der Wissenschaft unterstützt, sondern fand auch einen finanzstarken Investor. Lukas, der mit Musiklabels über die Lizenzen an den Werken verhandelt, hatte vor der Grammofy-Gründung bereits Start-up-Erfahrung. Dass so ein Team ein würdiger Träger der Auszeichnung Kultur- und Kreativpiloten Deutschland ist, kann man nachvollziehen. Aber konnte Grammofy überhaupt noch etwas dazulernen bei den Piloten?

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30 Tage kann man Grammofy unverbindlich umsonst testen, dann kostet der Zugang 6,99 Euro. Ein Einsteiger-Abo für 2,99 Euro ist in Planung

„Gerade wenn man selbst extrem viel Arbeit um den Kopf hat, ist es auf den Workshops beruhigend zu sehen, dass alle die gleichen Probleme haben. Das Mentoring und die Termine mit den Kreativpiloten haben durch den intensiven Erfahrungsaustausch den Blick in solchen Stressphasen wieder geöffnet“, sagt Lukas. Dieser Blick von außen auf ein Unternehmen sei unheimlich wertvoll, sagt der Gründer. „Das wollen wir auch möglichst über das Pilotenjahr hinaus bei uns etablieren.“

Auch Natascha schwärmt noch von der „Familie der Kreativpiloten“: „Wir haben durch das Kreativpiloten-Programm ein größeres Selbstbewusstsein entwickelt“, sagt sie. Darüber hinaus sei ein Preis der Bundesregierung natürlich auch ein Türöffner und ein klar verständliches Gütesiegel.

Das kann Grammofy jetzt gut gebrauchen: In den kommenden Monaten will das Team verstärkt die Werbetrommel rühren und mehr Kunden gewinnen. Das Ziel von Grammofy ist jedenfalls klar: „In fünf Jahren haben wir allen gezeigt, wie vielfältig und aufregend Klassik ist und dass da jeder etwas für sich findet“, sagt Natascha.

„Das Kreativpiloten-Jahr hat tatsächlich bewirkt, dass es uns jetzt als Firma überhaupt gibt.“

Juliane Radike, Radike|Kittelmann

Fünf Jahre sind auch für Juliane Radike eine wichtige Marke. „Bis dahin können wir sicher sagen, ob wir uns mit unserer Galerie etabliert haben.“ So lange brauche man ungefähr, um einen Stand zu erreichen, an dem man genug Sammler und Künstler gefunden und eine Infrastruktur aufgebaut hat, die das Ganze tragen kann. Ähnlich wie bei Grammofy ist die Herausforderung nicht klein. Denn auch Juliane und ihre Studienfreundin Julia Kittelmann, die mit zum Team gehört, betreten mit ihrer Gründung Neuland.

Radike|Kittelmann, wie die Galerie heißt, hat nämlich in Bad Doberan eröffnet, einer Kleinstadt nahe der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Und bisher ist weder Bad Doberan im Speziellen noch Mecklenburg-Vorpommern im Allgemeinen als Mittelpunkt der Kunstwelt aufgefallen. Gerade das wollen Juliane und Julia aber ändern.

„Die erste grobe Idee zu unserer Galerie hatten wir im Juni 2015 auf der Art Basel“, sagt Juliane. Als sie zusammen mit Julia durch die Galerien und Ausstellungen der weltweit größten Kunstmesse der Welt flanierte, fiel den beiden auf, dass Künstler aus Mecklenburg-Vorpommern „qualitativ auf jeden Fall genauso gut“, aber in Basel überhaupt nicht vertreten waren.

Das müsste man doch eigentlich ändern: Eine Galerie, die Werke aus Mecklenburg-Vorpommern vor Ort und auch auf Ausstellungen wie hier in Basel präsentiert und so insgesamt die regionale Kunst sichtbarer macht, wäre toll. Eine Art nomadische Galerie. Das sagten sich die beiden und vergaßen die Sache fast wieder, wäre da nicht die Kultur- und Kreativpiloten-Auszeichnung gewesen.

Juliane hatte drei Monate zuvor gerade ihren Job als Geschäftsführerin des Zweitliga-Handballvereins Empor Rostock gekündigt und wollte unbedingt wieder zurück zur Kunst. „Ich habe in Greifswald Kunstgeschichte und bildende Kunst studiert“, sagt Juliane. Dort hat sie auch Julia kennengelernt, die nach ihrem Studium in Basel in Kunstwissenschaft promoviert hat.

„Wir haben schon oft Ausstellungen zusammen besucht und haben den gleichen Rhythmus, dieselbe Entscheidungsfreudigkeit und das gleiche Urteil darüber, was wir gut finden und was nicht“, sagt Juliane. Als die beiden in Basel den Gedanken an die eigene Galerie hatten, konnten sie sich eine gemeinsame Sache daher gut vorstellen. „Ich wollte aber nach der Kündigung und meinem Vertragsende zum Juni zunächst bewusst keine Entscheidung treffen“, sagt die 37-Jährige.

„Davon habe ich immer geträumt: Strukturen zu schaffen, die Kunst möglich machen.“

Juliane Radike

Dann stolperte Juliane im Internet zufällig über die Ausschreibung zur Bewerbung bei den Kultur- und Kreativpiloten. „Das war ein toller Aufhänger für uns, uns einfach mal hinzusetzen und das noch frische Konzept aufzuschreiben“, sagt Julia. „Das wollten wir ja sowieso machen.“

Die beiden schrieben also auf, was ihrer Meinung nach am Kunstmarkt nicht gut läuft, was sie anders machen würden – und, wenn sie gründen würden, wie so eine Galerie aussehen würde. „Wir haben das ein paar Mal hin- und hergeschickt, zehn Minuten vor Abgabeschluss eingereicht und dann bei der Jurysitzung verteidigt und den Zuschlag bekommen“, sagt Juliane.

„Das Kreativpiloten-Jahr hat tatsächlich bewirkt, dass es uns jetzt als Firma überhaupt gibt“, sagt Juliane. „Vielleicht hätten wir etwas später auch von selbst gegründet, aber die Mentoren haben uns so vor sich hergetrieben und motiviert, dass wir das alles schnell durchgezogen haben.“ Quasi eine Gründung intravenös.

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Radike|Kittelmann auf der Berliner Kunstmesse Positions: Malereien von Mike Strauch (links), Fotos von Frank Ehlert (rechts) und zwei Skulpturen von Hannes Uhlenhaut (mittig).

Gerade waren die beiden mit einem Auftritt auf der Berliner Kunstmesse Positions und haben eine Ausstellung in Dresden eröffnet. Im November folgt eine weitere Ausstellung in Hamburg. Dazu ist die Galerie in Bad Doberan ständiger Anlaufpunkt für die regionale Kunstszene. Es läuft.

„Wir haben jede Woche neue Anfragen von Künstlern, die mit uns zusammenarbeiten wollen“, sagt Juliane. „Davon habe ich immer geträumt: Strukturen zu schaffen, die Kunst möglich machen.“ Wenn es so weitergeht, ist Bad Doberan in Zukunft eine feste Station im Reiseplan von Kunstliebhabern – und Radike|Kittelmann bald auf der Art Basel vertreten.

„Allein die Auswahlgespräche waren schon sehr cool. Wir können das Programm und die Bewerbung nur empfehlen.“

Miriam Schütt, SofaConcerts

Rund 180 Kilometer Luftlinie entfernt in Stuttgart ist ein verwandtes Konzept entstanden: Auch SofaConcerts bietet aufstrebenden Künstlern neue und unkonventionelle Bühnen, auf denen sie sich präsentieren können. Die Geschichte von SofaConcerts beginnt Anfang 2013.

Miriam Schütt und Marie-Lene Armingeon hatten sich auf einem Wohnzimmerkonzert in einer Studenten-WG getroffen und sprachen über die intensive Atmosphäre. Plötzlich stand ein Gedanke im Raum. „Wir haben uns gefragt, warum es so etwas Cooles nicht viel häufiger gibt“, sagt Marie-Lene. Es gab bereits Plattformen wie Airbnb, Mitfahrgelegenheit oder Couchsurfing. Die funktionierten. Musiker und Musikfans gibt es weltweit. „Lass uns doch eine Plattform für solche Konzerte gründen“, platzte es aus ihnen heraus.

Die beiden waren von der Idee begeistert und wussten intuitiv: Das könnte wirklich etwas sein. Also trafen sie sich fortan jede zweite Woche zu einem Jour fixe. „Da haben wir uns dann Ziele gesetzt, geplant und recherchiert“, sagt Miriam. Es waren viele Fragen zu klären: Gibt es so was schon, was läuft da gut, was läuft da schlecht? Wie lässt sich so eine Plattform umsetzen?

„Wir haben mit Musikern geredet und gefragt, was sie davon halten, und mit anderen Musikfans geredet. Wärt ihr daran interessiert, wenn es so was gäbe?“ Darüber wurde auch mit Freunden und der Familie eifrig diskutiert. „Das war für uns das ideale erste Testfeld“, sagt Marie-Lene. „Zum einen, weil wir die Plattform auch für uns selbst geschaffen haben und unsere Freunde ähnliche Interessen haben, zum anderen, da wir im direkten Umfeld auch Gründer von Onlineplattformen hatten, die uns wertvolle Tipps geben konnten.“ So erstellten die beiden ein Konzept, was zur Umsetzung der Idee nötig wäre.

„Wir haben uns von Anfang an Gedanken darüber gemacht, wie man damit Geld verdienen kann“, sagt Miriam. Es gab nämlich schon einige solcher Initiativen, die aber alle eher hobbymäßig wirkten und dann auch schnell wieder eingeschlafen waren. „Wenn man nur aus eigenen Ressourcen schöpft, wird es natürlich irgendwann schwierig, weiterzumachen und durchzuhalten.“ Ihr Konzept sollte daher nachhaltig sein: eine Vermittlungsplattform, die sich durch eine Vermittlungsprovision möglichst von selbst finanziert.

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Musiker Ryan Tennis ohne Verstärker: gebanntes Publikum.
„So haben wir die Grundlagen unseres Businessmodells und wo es hingehen soll festgelegt“, sagt Miriam, die in Deutschland und Frankreich Betriebswirtschaftslehre studiert hat. Den Prototyp haben Marie-Lene und Miriam komplett aus eigenen Mitteln finanziert. „Da konnten sich Künstler und Gastgeber vorstellen, sich kontaktieren und Termine für ein Konzert ausmachen. Fertig. So sind wir auch gestartet“, sagt Marie-Lene.

Nachdem sie die Plattform Anfang 2014 gelauncht hatten, sei natürlich noch viel angepasst worden. „Damit haben wir nach dem Prinzip des Minimum Viable Product gehandelt, obwohl wir den Begriff noch gar nicht kannten“, sagt Marie-Lene, die eigentlich Gymnasiallehramt für Englisch und Spanisch studiert hat und sich auf das Community-Management und die Produktentwicklung fokussiert.

„Auf die Anregungen und Lösungsansätze zu eigenen aktuellen Problemen von anderen Kreativunternehmern wäre man von allein oft nicht gekommen.“

Marie-Lene Armingeon

Über den Music WorX Accelerator der Stadt Hamburg, den SofaConcerts 2014 durchlaufen hat, kam dann der Kontakt zu einem Start-up, das bereits am Kultur- und Kreativpiloten-Programm teilnehmen konnte und den beiden Gründerinnen zu einer Bewerbung geraten hat. „Allein die Auswahlgespräche waren schon sehr cool. Wir können das Programm und die Bewerbung nur empfehlen“, sagt Miriam. „Der Gewinn hat uns den Zugang zu einem extrem inspirierenden Netzwerk geschaffen. Wir haben zu unseren Co-Piloten auch immer wieder Kontakt, geben uns Tipps und helfen uns gegenseitig mit Kontakten.“

Vor allem die Workshops empfanden Marie-Lene und Miriam als sehr bereichernd. „Am meisten gebracht hat uns das Format der kollegialen Beratung mit den anderen Teams. Auf die Anregungen und Lösungsansätze zu eigenen aktuellen Problemen von anderen Kreativunternehmern wäre man von allein oft nicht gekommen“, sagt Marie-Lene. Das seien aber nur Kleinigkeiten gewesen, sagen die beiden, glücklicherweise laufe es im Großen und Ganzen sehr gut.

Das ist untertrieben: Seit der Gründung konnten über die SofaConcerts-Plattform bereits mehr als 2000 Konzerte organisiert werden. Das Unternehmen kann sich heute aus den eigenen Umsätzen finanzieren. Fast zu jeder deutschen Stadt sind Gastgeber und Künstler gelistet. Viele Künstler kommen aus England, den Vereinigten Staaten oder Kanada. Sie nutzen die Plattform, um Europa-Touren zu ergänzen. Seit Kurzem haben die beiden Gründerinnen sogar zwei neue Mitarbeiterinnen, die sich um den österreichischen und den französischen Markt kümmern und dort das Netzwerk ausbauen.

„Wir wollen international weiter wachsen und zu einer großen Talentscouting-Plattform werden“, sagt Miriam. Die großen Musikunternehmen haben bereits ein Auge auf SofaConcerts. „Das merken wir schon“, sagt Marie-Lene. Damit sind die beiden Unternehmerinnen voll im Plan: In fünf Jahren, hatten sie Anfang 2014 als Fernziel niedergeschrieben, ist SofaConcerts die größte europaweite Live-Musikplattform, die Musiker und Musikfans direkt miteinander vernetzt. Dann bekommt die Musikbranche von ihnen fundierte Empfehlungen auf Basis der Fan-Community.

Damals haben Marie-Lene und Miriam gedacht, dass dieses Ziel wohl nie zu erreichen ist. Heute ist aus dem fernen Traum eine Vision geworden, die in greifbare Nähe gerückt ist. Einfach mal machen scheint nicht die schlechteste Strategie zu sein.