Wenn im Kopf der Filter fehlt

Burnout, Klinik, Arbeitsunfähigkeit: Die Diagnose ADHS hat Gudula Kanzmeier einst aus der Bahn geworfen. Heute entwickelt sie Hilfsmittel für Menschen mit psychischen Störungen, damit sie barrierefrei in dieser Gesellschaft leben, arbeiten und ihr Potenzial nutzen können.

Wenn du eine psychische Störung hast, die Kreativität ohne Ende ausspuckt, aber nicht die barrierefreie Umgebung, die du brauchst, um sie umzusetzen – dann wird das Gründen schwerer, als es eh schon ist“, sagt Gudula Kanzmeier. Die Störung ist ADHS, kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivität-Syndrom. Es kursieren weniger schöne Umschreibungen, die alle mit dem Klischee zu tun haben, dass ADHS doch eine Modediagnose sei, die man vorschnell bei nervigen Kindern aus der Tasche zieht.

„Noch bis vor kurzem galt ADHS als Kinderkrankheit, die sich mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter in Luft auflöst“, sagt Gudula. „Als Erwachsener ADHS zu haben, darauf ist das System noch nicht so recht eingestellt.“ Was es an Rehamaßnahmen und Angeboten für Erwachsene gebe, das gehe an den Bedürfnissen von Menschen mit ADHS und vielen anderen Störungen völlig vorbei: „Das sind oft hoch intelligente, kreative Menschen, die einfach nur andere Umgebungen und Arbeitsabläufe brauchen. Dann sind sie auch nicht so sprunghaft, wie man denkt, sondern hyper-fokussiert.“

Mit ihrer Gründung schaffe sie sich ihre eigenen „Haltungsbedingungen“, sagt Gudula. „Wenn ich ‚Barrierefreiheit‘ sage, denken alle an Rampen oder breitere Türen für Rollifahrer. Aber für uns ADHSler, aber auch für Autisten, bedeutet Barrierefreiheit, dass wir einen Raum oder eine Veranstaltung nutzen können, ohne nach kurzer Zeit vor Erschöpfung durchzudrehen, weil zu viele Reize auf uns einprasseln.“

„Ich denke dabei aber auch an gesunde Menschen, die einfach auf sich achten wollen.“

PSY+CO ist der provokante Name ihres Startups, ein „Sanitätsshop für die Psyche“. Eine Art Werkstatt für Hilfsmittel, die Menschen wie sie dabei unterstützen, in der Welt bestehen zu können – und ihr volles Potential abzurufen. „Ich denke dabei aber auch an gesunde Menschen, die einfach auf sich achten wollen.“ Viele Produkte, die Gudula gerade entwickelt, haben ein Ziel: Reizüberflutung reduzieren. Da ist eine Brille mit einer Art Scheuklappenaufsatz, der das Sichtfeld einengt. Oder eine mobile Schallschutzkabine, mit der das Leben im Großraumbüro erträglicher werden könnte.

Es war ein Umzug in eine Firma mit falschen „Haltungsbedingungen“, der vor Jahren bei Gudula zum Zusammenbruch und endlich zur Diagnose geführt hatte. Bis dahin hatte sie jahrelang als Drehbucheditorin für TV-Serien gearbeitet, im Einzelbüro. In der neuen Firma gab es kein Einzelbüro, „dafür Chaos ohne Ende. ADHSler sind reizoffen, uns fehlen Filter. Wir können nichts ausblenden, hören alles, sehen alles“, sagt Gudula. „Diese Reize auszublenden kostet immens viel Kraft.“ Die Folge war eine Negativspirale: „Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, konnte gar nichts mehr. Du bist völlig fertig und weißt nicht warum und stürzt immer weiter ab. Du versuchst gegenzusteuern. Aber weißt nicht, wo du ansetzen sollst.“

Für Gudula führte der Weg über Burnout und Depression in einen viermonatigen stationären Klinikaufenthalt. Danach suchte sie jahrelang nach der passenden Behandlung, schlug sich herum mit Rentenversicherung und Sozialgericht. „Als psychisch Kranker brauchst du starke Nerven“ sagt sie und lacht.

„In die Integrationmaßnahmen wird alles hineingeworfen ohne Rücksicht auf den Bildungshintergrund.

2015 bekam sie eine berufliche Rehamaßnahme, „aber die Umgebung da erinnerte eigentlich eher an meinen letzten Job.“ Es gebe keine passenden Konzepte für Menschen mit ADHS und anderen Störungen – vor allem keine, die auch unterschiedliche Bildungshintergründe berücksichtigen. „Da wird alles hineingeworfen wird vom Sonderschüler bis zum Akademiker.“

PSY+CO sei das Ergebnis jahrelanger Beobachtung: „Man bekommt immer gesagt, es liege nur an einem selber, dass nichts vorangeht. Viele geben auf. Was nachvollziehbar ist. Aber nicht hinnehmbar. Es muss sich etwas ändern. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass es in ganz Deutschland offenbar nur zwei Gründungsberatungen für Behinderte gibt.“

Prototyp der Scheuklappenbrille,die Psy+Co für Menschen mit ADHS, Autismus und anderen Störungen entwickelt.
Prototyp der Scheuklappenbrille, die Psy+Co für Menschen mit ADHS, Autismus und anderen Störungen entwickelt.
Dass sie mit ihrer Gründungsidee – „und es war zum Zeitpunkt der Bewerbung wirklich nur eine Idee“ – in das Kultur- und Kreativpilotenprogramm aufgenommen wurde, empfindet sie als großen Glücksfall: „Für mich ist das ‚Betreutes Gründen‘ in Perfektion.“ Als sie von der Auszeichnung erfuhr, musste sie sofort loslegen, um bis zur Preisverleihung ihr Logo und erste Prototypen präsentationsreif zu bekommen. „ADHSler funktionieren super mit Deadlines“, sagt Gudula.

„Du willst sofort losrennen, hast 100 Ideen gleichzeitig und weißt gar nicht, wie du die in eine sinnvolle Ordnung bringen sollst. Eigentlich bräuchte ich einen Sparringspartner, der eine Mischung ist aus Domina und Meister Yoda.“ Eine Rolle, die in gewisser Hinsicht nun ihre beide Mentoren erfüllen, der Kreativpilot Robert Mertens und Kai Hennes vom u-institut. „In den Screening-Gesprächen mit den beiden erarbeite ich mir sozusagen ein störungstaugliches Gründerverhalten.“

„PSY+CO soll auch dazu beitragen, psychische Störungen zu entstigmatisieren“

Auf dem letzten Kreativpiloten-Workshop habe sie sich zum ersten Mal „in großer Runde nackig gemacht“ mit all ihren Fragen, sagt Gudula. „Was ist am Wichtigsten? Was soll ich zuerst machen? Und ich habe das Feedback bekommen: Du weißt schon die Antwort und bist auf dem richtigen Weg. Nach den störungsbedingten Misserfolgen der Vergangenheit ist das eine wunderbare Form der Beruhigung. Da saß auch ein Meister Yoda mit in der Runde.“

Zusammen mit ihrem Mit-Kreativpiloten Martin Horst von der Designagentur 13 Grad setzt Gudula gerade ihre Website auf; auch mit anderen Kreativpilotenteams wie den Berliner Pappmöbel-Designern Room in A Box kann sie sich Kooperationen vorstellen, „der ganze Bereich Hilfsmittel zum Mitnehmen ist ja sehr interessant.“

Für die weitere Produktentwicklung bereitet Gudula gerade eine Umfrage unter Menschen mit ADHS und anderen Erkrankungen vor: „Was ich bisher entwickelt habe, beruht auf meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. Aber ich weiß, dass bei anderen der Bedarf anders gelagert ist.“

Ihr „Sanitätsshop für die Psyche“ soll nicht nur ein Geschäft, sondern auch eine PR-Maßnahme sein, ein Beitrag dazu, psychische Störungen zu entstigmatisieren. „Ob sich einer einen orthopädischen Strumpf kauft, damit er gehen kann, oder meine Scheuklappenbrille, damit er einen klaren Gedanken fassen kann – wo ist der Unterschied?“

So schwer ihr jahrelanger Weg über Burnout und Klinik bis zur Gründung auch war: Ihr altes Leben will Gudula nicht zurück. „Ich könnte mir gar nicht vorstellen, wieder für irgendwelche unsinnigen Telenovelas zu schreiben. Im Nachhinein könnte man sagen: Eigentlich war der psychische Zusammenbruch das Beste, was mir passieren konnte.“